Cyberkriminalität als Industrie bedroht das gesellschaftliche Vertrauen
Die globale Cyberlandschaft steckt laut Sicherheitsexperten in einer systemischen Krise, angetrieben von industrialisierter Cyberkriminalität, geopolitischer Fragmentierung und einer Zunahme kognitiver Kriegsführung, die das Vertrauen von öffentlichem und privatem Sektor untergräbt.
Dieser Wandel signalisiert eine bedeutende Entwicklung der Cyberbedrohungen: weg von einfachem Datendiebstahl hin zur aktiven Erosion gesellschaftlicher Vertrauensgrundlagen.
Zunehmende Cyberkriminalität und verwundbare Ziele
Charl van der Walt von Orange Cyberdefense, der Cybersicherheits-Sparte des französischen Telekomkonzerns Orange Group, verweist auf einen besorgniserregenden Trend: Cybererpressungen haben sich seit 2020 verdreifacht, 2025 lag der weltweite Anstieg bei 44,5 %.
Kleine und mittlere Unternehmen (KMU) sind überproportional betroffen und machen zwei Drittel der Opfer aus. Angreifer konzentrieren sich auf eine breite Palette verwundbarer Betriebe statt ausschließlich auf Großkonzerne.
Die Fragmentierung des Cyberraums entlang geopolitischer Linien, bekannt als Balkanisierung, ist vor allem für Europa ein zentrales Problem.
Konkret errichten Staaten und Regionen separate digitale Ökosysteme und Regulierungsregime. Das betrifft kritische Infrastrukturen und schafft Abhängigkeiten von Technologien außerhalb der europäischen Kontrolle.
Das Aufkommen von Crime-as-a-Service-Modellen, bei denen Cyberkriminelle fertige Werkzeuge und Dienstleistungen verkaufen oder vermieten, hat die Einstiegshürden für Angreifer drastisch gesenkt. Dadurch hat sich die Zahl aktiver Cybercrime-Gruppen fast verdreifacht – von 33 auf 89 seit 2020.
Neue Bedrohungen für gesellschaftliches Vertrauen und sozialen Zusammenhalt
Neben finanziellen Motiven rückt eine heimtückischere Gefahr in den Vordergrund: die kognitive Kriegsführung. Diese Strategie zielt darauf ab, durch Desinformation und Manipulation den sozialen Zusammenhalt zu schwächen und das öffentliche Vertrauen zu untergraben, indem Cybervorfälle zu koordinierten Angriffen auf politische Systeme werden.
Hacktivisten – politisch motivierte Hacker, die mit staatlichen Interessen im Einklang agieren – nutzen ausgefeilte Taktiken wie Destabilisierungskampagnen und die Manipulation kritischer Systeme. Damit verwischen die Grenzen zwischen Cyberkriminalität, Spionage und Propaganda.
All diese Entwicklungen verdeutlichen den Bedarf an verstärkter globaler Kooperation. Zwar nehmen internationale Strafverfolgungsinitiativen stetig zu, doch die Komplexität und Vernetzung moderner Cyberrisiken erfordern ein gemeinsames Vorgehen.
Expert*innen plädieren daher für eine weltweite Allianz aus öffentlichen und privaten Akteuren, um einer Herausforderung zu begegnen, die nationale Grenzen überschreitet.